Jan Korte, MdB (DIE LINKE) (www.jan-korte.de)

Zum 100. Jahrestag des Kapp-Lüttwitz-Putsches

12.03.2020
Foto aus der Gewerkschaftszeitung Publik Nr. 1/2020

Die meisten wissen, dass der Faschismus nicht über Nacht an die Macht gelangte. Weitestgehend in Vergessenheit geraten ist allerdings, dass es vor 1933 mehrere bewaffnete Vorläufer gegeben hat, die Novemberrevolution rückgängig zu machen. Den ersten ernsthaften Versuch, eine rechtsextreme Militärdiktatur an Stelle der parlamentarischen Demokratie der Weimarer Republik zu errichten, unternahmen die alten Eliten des Kaiserreiches noch nicht einmal anderthalb Jahre nach ihrer größten Niederlage. Der konterrevolutionäre Kapp-Lüttwitz-Putsch vom 13. März 1920 scheiterte bereits nach 100 Stunden am geeinten Widerstand der Arbeiterbewegung. Nahezu unbekannt in der Öffentlichkeit, aber auch innerhalb der Linken, ist, dass es vor 100 Jahren auch hierzulande eine „Rote Armee“ mit 50.-100.000 bewaffneten Arbeitern gab, die nicht nur die Putschisten besiegte, sondern auch die soziale Revolution erneut auf die Tagesordnung der Republik setzte. Dass die Reaktion jedoch bereits unmittelbar nach ihrer verheerenden Niederlage im Auftrag der SPD-geführten Regierung ungestraft blutige Rache an den Verteidigern der Republik nehmen konnte, ist fast gänzlich aus dem kollektiven Bewusstsein der Arbeiterbewegung verschwunden.

Doch der Reihe nach:

Gleich nachdem eine breite Volksbewegung gegen den Krieg am 9. November 1918 die Monarchie in Deutschland hinweggefegt hatte, organisierten die alten Eliten die Konterrevolution. Der bereits am 10. November 1918 zwischen dem MSPD-Vorsitzenden Friedrich Ebert und dem letzten Chef der Obersten Heeresleitung (OHL) Wilhelm Groener besiegelte Ebert-Groener-Pakt war einerseits die Machtbasis für die Durchsetzung der mehrheitssozialdemokratischen Vorstellungen einer bürgerlichen Demokratie und der Beginn der Niederschlagung aller Bewegungen, die über die Parlamentarisierung und den Achtstundentag hinausgehende demokratische Ideen verfolgten. Er war aber auch einer der dicksten Sargnägel für die Weimarer Republik, denn er verhinderte nicht nur die notwendige Entmilitarisierung der Gesellschaft und die Demokratisierung der Reichswehr, sondern sicherte den reaktionärsten republikfeindlichen Kräften als „Staat im Staate“ dauerhaften und entscheidenden Einfluss. Die Chance den preußisch-deutschen Militarismus zu zerschlagen und eine demokratische Milizarmee aufzubauen – wie vom 1. Reichsrätekongress in den Hamburger Punkten vom 18. Dezember 1918 beschlossen - wurde vereitelt. Stattdessen wurde von der SPD-Führung bzw. von Gustav Noske, ihrem Volksbeauftragten für Heer und Marine, neben der Reichswehr, die rund 400.000 Soldaten hatte, mit den weit über 120 Freikorps ein ebenso großes militärisches Terrorinstrument aufgebaut und maßgeblich finanziert.

Das funktionierte eine Zeit lang gut, denn Reichswehr und Freikorps waren extrem zuverlässig, wenn es um die Bekämpfung kommunistischer oder sozialistischer Aufständischer ging. Dies stellten sie u.a. bei der Niederschlagung des sogenannten Spartakusaufstandes im Januar 1919, der Streikbewegungen im März 1919 oder der Räterepubliken im April und Mai 1919 unter Beweis. Doch nachdem am 10. Januar 1920 der Versailler Friedensvertrag in Kraft getreten war, welcher das deutsche Heer auf 100.000 und die Marine auf 15.000 Soldaten beschränkte, mussten Ebert und Noske notgedrungen gegen ihre Partner handeln, wenn sie keine Maßnahmen der Siegermächte riskieren wollten. Am 29. Februar erließ Noske eine Verfügung, die Marinebrigade Ehrhardt aufzulösen. Die vor allem bei der blutigen Niederschlagung der Münchner Räterepublik eingesetzte Eliteeinheit ehemaliger Marineoffiziere, dessen Angehörige schon 1919 das Hakenkreuz am Helm trugen, war eines der radikalsten Freikorps. Dies versetzte sowohl die Reichswehrführung, als auch die Freikorps in Rage. Sie dachten nicht im Ansatz daran, den drohenden Personalabbau in der Reichswehr oder die Auflösung der meisten damaligen Freikorps zu akzeptieren. Am 10. März sprach General Walther von Lüttwitz deshalb bei Ebert vor und forderte ultimativ die Rücknahme des Auflösungsbefehls sowie die sofortige Auflösung der Nationalversammlung und Neuwahlen zum Reichstag. Ebert lehnte ab und forderte seinerseits Lüttwitz zum Rücktritt auf, dem dieser jedoch nicht nachkam, sondern stattdessen der westlich von Berlin in Döberitz stationierten Brigade Ehrhardt den Befehl zum Marsch auf Berlin gab. In der Nacht auf den 13. März machte sich die Brigade kampfbereit und mit Hakenkreuz am Helm auf den Weg. In der Regierung brach hektische Betriebsamkeit aus. Noske hielt eine Kommandeurssitzung ab, auf der er erfuhr, dass das Regierungsviertel durch die in der Hauptstadt stationierten drei Kompanien nicht verteidigt und sein Schießbefehl nicht befolgt werden würde. Der Chef des Truppenamtes Hans von Seeckt erklärte:  „Reichswehr schießt nicht auf Reichswehr“. Bei der ersten Gelegenheit verweigerten die Militärs der Republik den Gehorsam. Das Kabinett beschloss deshalb, dass die Regierung aus Berlin fliehen und ein Aufruf zum Generalstreik erfolgen solle. Zehn Minuten nachdem die Minister geflohen waren, marschierte die Brigade Ehrhardt mit Gesang durch das Brandenburger Tor. Die rechtskonservative antisemitische DNVP solidarisierte sich mit den Putschisten und auch weite Teile der nationalliberalen DVP sympathisierten mit dem Umsturz. Es schien, als ob der von Lüttwitz mit maßgeblicher Unterstützung von Erich Ludendorff, der sich allerdings als graue Eminenz im Hintergrund hielt, organisierte Militärputsch gelingen würde. Der nach außen, als politischer Kopf der Verschwörer, agierende Generallandschaftsdirektor Wolfgang Kapp, seit 1912 im Aufsichtsrat der Deutschen Bank, hatte mit seiner „Nationalen Vereinigung“ ein Programm entwickelt, das auf eine Kanzlerdiktatur, die Entmachtung der Parteien und den Einbau aller Verbände einschließlich der Gewerkschaften in einen autoritären Korporativstaat hinauslief.

Doch es kam anders. Weite Teile der Regierungsbürokratie waren unschlüssig und verweigerten die Arbeit. Und auch im Militär herrschte Uneinigkeit über die eigentliche Zielsetzung des Putsches. Ausschlaggebend für das Scheitern des Putsches war jedoch zweifelsohne der Generalstreik – der größte politische Massenstreik in der deutschen Geschichte. Er entwickelte sich zuerst aus spontanen lokalen Aktionen, wuchs dann durch die Unterschrift der SPD-Führung, durch die Aufrufe des ADGB, des Allgemeinen freien Angestelltenbundes (AfA), der christlichen Gewerkschaften, der USPD und der KPD, aber auch durch Unterstützung der liberalen DDP. Am 14. März erfasste der Generalstreik bereits vollständig Berlin und breitete sich am Montag über die ganze Republik aus. 12 Millionen Beschäftigte beteiligten sich. Massendemonstrationen fanden statt. Der Eisenbahnverkehr war komplett stillgelegt, in den Städten fuhren weder Straßenbahnen und Busse. Es gab keine Post, keine Telefonvermittlung, keine Zeitungen. Alle Fabriken und alle Behörden waren geschlossen. In Berlin gab es nicht einmal mehr Wasser, Gas oder elektrisches Licht. Er führte zur völligen Lahmlegung der öffentlichen Versorgung und nahm den Putschisten jede Möglichkeit zu regieren. In den Vororten von Berlin, in Mecklenburg, Sachsen, Thüringen und im rheinisch-westfälischen Industriegebiet, im Kohlenpott, griffen Arbeiter spontan zu den Waffen. Der auf 50.-100.000 Mann anwachsenden Roten Ruhrarmee gelang es binnen kürzester Zeit die Putschisten im Revier zu besiegen. Am 17. März wurde die Hauptmacht der Freikorps in Dortmund nach einem mehrstündigen Gefecht geschlagen. Die bewaffneten Arbeiter erbeuteten die Geschütze, nahmen 600 Freikorpsangehörige gefangen und besetzten Dortmund. Schnell ging es nicht mehr nur darum die erreichten demokratisch-revolutionären Errungenschaften zu verteidigten. Die Massen verlangten jetzt eine grundsätzliche Demokratisierung aller gesellschaftlichen Bereiche. Parallel zum Sieg im Ruhrgebiet brach der Militärputsch in Berlin in sich zusammen. Kapp, Lüttwitz, Pabst und Konsorten flohen. Die Regierung saß jedoch noch in Stuttgart. Die den Generalstreik unterstützenden Gewerkschaften einigten sich am Tag darauf auf ein gemeinsames Neun-Punkte-Programm mit weitgehenden Forderungen, darunter die Sozialisierung von Betrieben, die Enteignung von Großagrariern und der Rücktritt Noskes. Zudem wurde eine Regierungsbeteiligung der Gewerkschaften verlangt. Die SPD stimmte am 20. März einem Kompromiss zu, der wesentliche Forderungen in abgeschwächter Form akzeptierte.

Doch es kam wieder anders. Nachdem die Regierung aus Stuttgart zurück war bröckelte der Generalstreik und wurde schließlich um den 25. März 1920 abgebrochen. Der Abzug der Putschisten aus Berlin wirkte sich auch auf das Ruhrgebiet aus. Die Bürgerlichen stiegen aus den Kampfleitungen und auch aus den Ausschüssen weitgehend aus. Die Spontanität der Massen, die unabhängig von SPD, USPD und KPD den Kampf aufgenommen hatten, erlahmte mit der vermeintlichen Eroberung der Macht. Aber die Arbeiterregierung kam nicht zustande. Stattdessen rief der neu als Chef der Heeresleitung ernannte Hans von Seeckt den verschärften Ausnahmezustand aus und die Regierung stellte den Aufständischen im Ruhrgebiet ein Ultimatum bis zum 30. März bzw. 2. April Streik und Aufstand aufzugeben.

Diese waren isoliert in einer politisch wie militärisch ausweglosen Situation. So sahen sie keine andere Möglichkeit, als sich auf das vom rechten Sozialdemokraten Carl Severing vermittelte »Bielefelder Abkommen«, das sich am Neun-Punkte-Programm orientierte und eine geregelte Waffenabgabe vorsah, einzulassen. Doch das »Bielefelder Abkommen« war das Papier nicht wert, auf das es geschrieben war und wurde umgehend nach der Auflösung der Kampfverbände und Räte von der Regierung gebrochen. Die Freikorps wollten Rache und sie bekamen dafür von der durch Arbeiter geretteten Regierung alle Macht in die Hand. So endete die Aufstandsbewegung in einem Massenmord mit schätzungsweise 1.000 Toten. Ermordeten! Denn sie waren nicht in regulären Kämpfen gefallen, sondern nach dem Kampfgeschehen und ihrer Gefangennahme durch die Freikorps liquidiert worden. Darunter auch zahlreiche Frauen, die in der Roten Ruhrarmee als Krankenschwestern oder Köchinnen aktiv waren.

Nach Beendigung der Kämpfe wurde Gericht gehalten. Allerdings nicht über die Putschisten, sondern über diejenigen, die sie im Ruhrgebiet besiegt hatten: Der USPD-Abgeordnete Ludwig berichtete in der Reichstagssitzung vom 29. Juli 1920, bei der er auch eine Liste von über 200 erschossenen Personen vorlegte, dass annähernd 4.000 Personen in Haft genommen worden seien. Gegen 822 Personen waren zu diesem Zeitpunkt bereits Urteile über insgesamt 919 Jahre Gefängnis und 168 Jahre Zuchthaus verhängt worden.

Von den Putschisten wurde einzig Traugott von Jagow, der als Innenminister der Putschistenregierung fungiert hatte, am 21. Dezember 1921 vom Reichsgericht zur Mindeststrafe von fünf Jahren Festungshaft verurteilt. Das Verfahren gegen zwei Mitangeklagte wurde am gleichen Tag eingestellt. Diese drei Verfahren waren die einzigen Strafverfahren gegen die Putschisten. Vom Neun-Punkte-Programm wurde nur ein einziger Punkt umgesetzt: Der Rücktritt Noskes.

Viele Kapp-Putschisten und Freikorpsmänner starten dreieinhalb Jahre später mit dem „Marsch auf die Feldherrenhalle“ von Hitler und Ludendorff den nächsten Versuch und finden sich weitere 10 Jahre darauf in exponierten Funktionen von NSDAP, Wehrmacht und SS.

Der Generalstreik gegen den Putsch bildete somit die letzte fragile Einheit der Arbeiterklasse, die selbst von Teilen des Bürgertums unterstützt wurde (DDP, Zentrum). Während die Reaktion aus ihrer Niederlage den Schluss zog, dass eine erfolgreiche Machtübernahme und Etablierung der Diktatur nur mit einer entsprechenden Massenbasis zu erreichen sei, war die Arbeiterbewegung traumatisiert und endgültig gespalten.

 

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